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Leben und Leiden in Leipzig: Airbnb Edition

Ich habe eine Zeit lang mein Zimmer auf Airbnb vermietet. Das funktionierte meistens ganz toll, aber ein paar Mal auch nicht. Dies ist eine der Geschichten, bei denen es nicht funktionierte.

Weil ich als Wessi hier im Osten ungefähr so unglaublich reich bin wie ein Arabischer Scheich, habe ich mir eine Zeit lang eine Zwei-Zimmer Wohnung für mich alleine im Leipziger Westen gegönnt. Für jeden Leipziger da draußen ist das die ultimative Form von Dekadenz, aber alle die schon mal in München/Hamburg/Frankfurt gelebt haben, würden dasselbe tun.

Wie manche von euch vielleicht schon wissen, habe ich gar nicht unbedingt so viel Geld wie ein Arabischer Scheich. (Überraschend, oder?) Aber wie der Fuchs, der ich bin, habe ich mir ein super krasses Ikea-Schlafsofa in mein Wohnzimmer gestellt und damit vom neuen Sharing-Kapitalismus profitiert, indem ich mein Wohnzimmer über Airbnb vermietete, was mehrere gute Effekte hatte:

1. Geld, da auch meine Eltern unverschämter Weise keine Scheichs sind

2. Eine regelmäßig aufgeräumte Wohnung, denn die Angst vor dem Rating ist real

3. Nette Leute aus aller Welt, mit denen man morgens Kaffee trinken kann und sich nicht mehr todeseinsam in seiner zu großen Wohnung fühlt

Und während der letzte Punkt auf der Liste auf die meisten meiner Gäste zugetroffen hat, gab es aber eben auch ein paar Ausnahmen. Heute möchte ich euch die Geschichte einer dieser Ausnahmen erzählen.

Zwei Frauen, ungefähr Ende 20, mieteten mein Wohnzimmer für vier Tage während des Wave-Gotik Treffens. Sie meinten, sie wären sowieso kaum in der Wohnung, da sie einen Stand auf der Messe haben und somit den ganzen Tag dort verbringen müssen. Das Zimmer mieteten sie, wie oft üblich zum Wave-Gotik Treffen, schon drei Monate vorher. So weit, so harmlos.

Zwei Tage vor ihrer Ankunft bekam ich noch einmal eine Nachricht von ihnen mit der Frage, wie sie denn zu mir kämen. Eine, an sich, berechtigte Frage, dennoch war ich ein wenig genervt, es ihnen nochmal schreiben zu müssen, da es eine mehr als ausführliche Beschreibung in der Anzeige gibt, die man lesen könnte. Aber jeder, der schon mal im Internet war, weiß, dass alles nun mal auf einem Rating-Prinzip besteht, weswegen man immer und zu jeder Zeit so höflich sein muss wie dieses ultra korrekte Mädchen, das in deiner Linguistik Vorlesung in der ersten Reihe sitzt und ihre Mitschriften in verschiedenen Farben schreibt. Nachdem ich es ihnen erklärt hatte, kam prompt die Antwort: „Wow. Das ist ja ganz schön weit weg von der Messe…“

No shit, Sherlock.

Direkt hinterher kam die zweite Nachricht: „Das hätte man ja auch mal sagen können…“

The fuck?

Behauptete sie gerade wirklich, dass es in meiner Verantwortung läge, sie darüber aufzuklären, dass Kleinzschocher auf exakt der anderen Seite der Stadt liegt? Also Entschuldigung, aber erwachsenen Menschen traue ich normalerweise zu, Google Maps zu benutzen. Aber, aber, Rating Prinzip: Ich antwortete, dass es mir leidtue, dass sie das erst jetzt merkten, aber dass es dafür sehr schön bei mir sei, inklusive eines versöhnlichen Zwinker Smileys. Unser Start war also schon holprig.

Als sie ankamen, wurde es jedoch nicht besser. Stöhnend und fluchend trugen sie ihre Koffer zu mir in den dritten Stock. Außer Atmen oben angekommen sagte die eine bevor auch nur der Hauch eines Hallos kam: „Also, wenn ich gewusst hätte, dass das hier im dritten Stock ist…“ Woraufhin ich mich zusammenreißen musste, um ihr nicht eine zu scheuern und zu brüllen: „KANNST DU NICHT LESEN, DU AFFE? DAS STEHT IN DER ANZEIGE!“, was ich aber natürlich nicht tat und stattdessen sagte: „Man gewöhnt sich dran.“

Ich zeigte ihnen die Wohnung und sie fühlten sich wie zuhause. Was normalerweise für mich als Gastgeber ein wunderbares Zeichen dafür war, alles richtig gemacht zu haben, wurde in diesem Fall etwas zu wörtlich genommen. Als ich zehn Minuten nach ihrer Ankunft in mein Bad ging, hatten sie schon sämtliche Produkte dort verteilt, die sie brauchen, um ihre sehr, sehr langen, schwarzen Haare zu pflegen. Dabei hatten sie es sich auch nicht nehmen lassen, alle Produkte, die ich benötige, um mir mein Gesicht aufzumalen, aus dem Weg zu räumen. Im Flur verteilten sie ihre Schuhe, sechs Paar an der Zahl.

Aber ich bin eine gute Gastgeberin. Alles was den Gast glücklich macht, Hauptsache, sie fühlen sich wohl.

So nahm ich mir dann auch noch die Zeit ihnen auf einem Zettel zu schreiben, wie sie von der Messe wieder zurückkommen, denn genauso wie Höflichkeit war auch das Digitale Zeitalter an ihnen vorbeigegangen. Ich malte ihnen sogar Bilder davon, wie sie von der Trambahnstation dann auch sicher und safe zu mir kommen, obwohl man tatsächlich einfach nur geradeaus gehen muss. Ich suchte ihnen die Zeiten der Trambahnen und Nachtbusse heraus. Ich tat wirklich alles.

In derselben Nacht noch, um ein Uhr fünfzehn, ich habe gerade das Licht ausgeschaltet, klingelt mein Handy. Es sind, wie kann es anders sein, die beiden Grazien, die in meinem Wohnzimmer wohnen. Sie ständen am Hauptbahnhof, sagten sie, sie wollten umsteigen, sagten sie, aber es wäre nur Busse gekommen, keine Trambahnen mehr.

Ich schwieg entgeistert in das Handy.

„Ihr meint die Nachtbusse? Ihr müsst den N1 nehmen, so wie ich es aufgeschrieben habe.“

„Nein, das hast du gar nicht aufgeschrieben. Du hast gesagt wir müssen die drei nehmen.“

„Ja, aber ab einem gewissen Zeitpunkt fahren nur noch Nachtbusse. Das steht da auch. Sind die jetzt alle schon weg?“

„Ja, die sind alle gerade abgefahren. Oh ja, stimmt, hier hast du Nachtbus hingeschrieben!“

Ich unterdrückte einen dramatischen Seufzer.

Plötzlich war sie sehr aufgeregt: „Oh, da kommt noch eine Trambahn! Die fährt noch bis zum Sportforum!“

Ich riet ihnen, diese zu nehmen, da sie wenigstens in die richtige Himmelsrichtung fuhr, und suchte ihnen in der Zwischenzeit eine neue Verbindung heraus. Als sie am Sportforum ankamen erklärte ich ihnen, dass sie nur noch einen Bus bis in die Nähe von mir nehmen könnten und dann 20 Minuten zu mir laufen müssten. Ich würde ihnen eine SMS mit der exakten Wegbeschreibung schicken. Sie waren genervt. Sie würden nicht laufen wollen.

„Es gibt aber leider keine andere Verbindung mehr“ sagte ich, während ich krampfhaft versuchte, sie ob ihrer Dummheit nicht zu beschimpfen.

„Ja, super. Da stehen wir den ganzen Tag auf der Messe rum und jetzt müssen wir noch bis zu dir laufen.“

„Mh, ja, ihr hättet halt den Nachtbus nehmen müssen.“

„Ja, das hätte man halt auch ein bisschen besser erklären können.“

Vor lauter Hass zerbrach ich fast mein Handy und legte einfach nach einem kurzem „Mhm“ auf. Ich schrieb ihnen eine SMS, die wegen ihrer Länge in sage und schreibe sieben SMS gestückelt werden musste. Ich traute ihnen an diesem Punkt gar nichts mehr zu. Somit wurde es die detaillierteste Beschreibung eines abstrus einfachen Weges, der mehr oder weniger auch beschrieben werden kann mit: Geradeaus, rechts, links, geradeaus. Ich dachte, dass jetzt nichts mehr schiefgehen könnte.

Aber ich hatte nicht mit meinen Humpty-Dumpties gerechnet.

Ich hatte es mir schon wieder mehr oder weniger gemütlich in meinen Kissen gemacht, da klingelte mein Handy erneut. Und mit einer Art, bei der man den Wind quasi durch ihr leeres Gehirn fegen hören konnte, sagte sie: „Hey, wir finden die Straße nicht, die wir langgehen soll.“

Diesmal konnte ich meinen immensen Seufzer nicht mehr unterdrücken.

„Ihr findet an der Kreuzung Gießerstraße/Karl-Heine-Straße die Gießerstraße nicht.“

„Nein? Wo soll die sein?“

„Naja, an der Kreuzung. Dafür stellt ihr euch an eine Ecke der Kreuzung, schaut nach oben, und dort stehen die Straßennamen.“

„Ja, aber dann wissen wir ja gar nicht in welche Richtung wir laufen sollen.“

„Also, wie ich schon in der SMS geschrieben habe: Seht ihr dieses riesige Feld?“

Pause. Dann: „Mh, ich weiß nicht. Das wo so Sträucher drauf sind? Kann es das sein?“

„Ja. Es gibt nur ein riesiges Feld an dieser Kreuzung. Also. Nicht da lang. In die andere Richtung.“

Eine lange Pause. Dann: „Könntest du uns nicht einfach abholen, von hier?“

Ich kann gar nicht beschreiben was in diesem Moment in mir vorging. Zwei erwachsene Frauen Ende zwanzig sind nicht in der Lage, einen Zettel richtig zu lesen, geschweige denn, dass sie das Prinzip von öffentlichen Verkehrsmitteln kennen oder es schaffen, einer fucking Wegbeschreibung zu folgen, und bitten deshalb ihre Airbnb Gastgeberin, sie doch bitte um zwei Uhr nachts irgendwo abzuholen und behütet nach Hause zu bringen.

JA, HAKT ES DENN?

Wo zum Teufel haben diese Frauen ihre Erziehung genossen? Haben sie überhaupt eine? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich haben ihre Eltern sie gehasst und sie deswegen regelmäßig mit dem Kopf auf den Boden fallen gelassen, was wenigstens ihre absolute Dummheit erklären würde. Oder aber ihre Eltern haben sie so sehr geliebt, dass sie sie jetzt immer noch in ihrem Auto zur Arbeit fahren und danach auch wieder abholen, denn sonst würden ihre armen Mädchen nie wieder nach Hause finden, und zuhause hat Mutter schon für alle gekocht, und nach dem Abendessen noch ein bisschen fernsehen, aber bloß nicht zu lange, um halb 10 ist das Licht aus! Wer braucht schon Selbstständigkeit? Wer braucht schon Anstand? Unsere beiden Mädels jedenfalls nicht. Irgendjemand wird schon auf sie aufpassen.

Ich schlug meinen Kopf so oft gegen mein Handy bis ich ohnmächtig wurde, nur um ihnen, als ich wieder zu mir gekommen war, in dem höflichsten mir möglichen Tonfall zu erklären, dass ich sie jetzt nicht abholen würde. Mama will nämlich schlafen, aber ich erkläre dennoch gerne NOCH EINMAL, wie genau sie laufen müssen.

Eine halbe Stunde später hörte ich im Halbschlaf noch, wie sie die Tür öffneten. Gut, dachte ich mir. Dann können sie ihrer Mama ja eine SMS schreiben, dass sie gut angekommen sind.

 

Die restliche Zeit, die sie da waren, verbrachte ich in Berlin. Nach den vier Tagen las ich ihre Bewertung von mir auf Airbnb.
Sauberkeit: Drei Sterne. Das Bad wäre zu vollgestellt gewesen.
Kommunikation: Drei Sterne. Hätte uns mehr helfen können.

Ich ging kotzen.

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1 Comment so far

  1. Celina Schwagerus

    RESPEKT, dass du nicht durchgedreht und direkt mithilfe deiner Gedanken ihre schwarzen Haare in Luft aufgehen lassen hast!
    Bei sowas bleibt kein Puls unten, das habe ich auch noch nicht erlebt. Aber immerhin eine sehr nice zu lesende Anekdote;)

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