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Über Freundschaft

Freundschaften können schwierig sein. Oft sind sie es in Zeiten, in welchen große Veränderungen stattfinden. Und wenn man nicht genug miteinander spricht kann man sich in Missverständnissen verlieren und läuft Gefahr, eine großartige Freundschaft kaputt zu machen. Das ist eine Geschichte darüber, wie mir das einmal fast passiert ist.

 

Sie nahm meinen Kaffee und trank ein paar genüssliche Schlucke. Dann nahm sie sich eine von meinen fertigen Zigaretten und erzählte mir während sie rauchte von Lukas und den anderen. Ich hockte auf dem Boden und betastete meine klebrigen Beine. Dabei entdeckte ich ein Stück alten Frischkäse in der Nähe meines Knies und fragte mich, ob er in der Hitze wohl dort zu Schimmel begonnen haben könnte.
„Und du musst auch einfach mal mit ihnen feiern gehen. Du kennst die ja alle gar nicht, Lukas, und die anderen.“
„Jo.“ Antwortete ich und betrachtete den Schmutz zwischen meinen Zehen, der langsam schon eine schwärzliche Verfärbung annahm.
„Du bist halt immer nur im Westen unterwegs, weeste? Im Osten gibt’s halt so mega viele Projekte und so, da passiert noch was Digga. Wir haben da illegale Projekte, aber ich hab da die connections, das geht halt auch nicht so über Facebook.“
„Ich weiß auch was von Projekten“ sagte ich überflüssigerweise und zog mir aus dem Haar zwei kleine Äste. Da sie nicht antwortete, fügte ich noch hinzu: „Ich bin ja manchmal im Osten unterwegs.“
„Ja, dann bist du halt aber nicht an den richtigen Orten, sonst würden wir uns da sehen.“ sagte sie mit dem Kopf von mir weggewandt. Dann holte sie ihr iPhone heraus und beachtete mich nicht mehr. Ich betrachtete meine dreckigen Fingernägel und fragte mich, was ich hier eigentlich tat.

Als wir 18 Jahre alt waren hielt mir Katharina die Haare, während ich in die Isar kotzte, danach wankte ich die Kiesbank entlang und grölte ihr aus vollem Herzen zu: „Du bist meine aller aller aller beste Freundin!“ und ich meinte es so.

Sie packte ihr Handy wieder ein und tauchte aus dem Dunstkreis ihrer Whatsapp Nachrichten wieder auf. Ich pulte unter meinen Fingernägel herum und war mir um all meine Worte verlegen. Der Festivallärm schaffte es nicht, die Stille zwischen uns zu füllen.

Ich lernte Katharina kennen, als ich zur Oberstufe die Schule wechselte. Es war eine Schule in einem noblen Viertel, die Jungs trugen Polohemden mit hochgeschlagenem Kragen und die Mädchen stiegen mit ihren Louis Vuitton Handtaschen von pinken Vespas. Ich kam von einem politisch links orientierten Gymnasium und wollte mit niemandem sprechen.
Katharina saß neben mir in meinem Deutsch Leistungskurs und ihr erster Kommentar zu mir war: „Guade Möpse!“. Ich musste lachen und wir wurden Freundinnen.

Sie faszinierte mich. Am Wochenende ging sie auf Underground Partys, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Sie hatte Ritalin verschrieben und nahm es zum Feiern. Einmal schlief sie mit einem Typen, der Kunst studierte, und der sie danach zwang fünf Minuten schweigend auf eine Holzstatue zu starren. In der Schule entführten wir gemeinsam ein Federmäppchen eines Mitschülers und verlangten Lösegeld. Wir hörten auf Häuserdächern zu Sonnenaufgängen mit geteilten iPod-Stöpseln Indiemusik. Wir trafen uns um 8 Uhr morgens in der Innenstadt zum Kaffeetrinken und manchmal gingen wir dann gar nicht mehr in die Schule. Wir betranken uns wild und schworen uns, berühmte Regisseure zu werden. Wir waren so viel besser, interessanter, spannender und künstlerischer als der Rest dieser verdammten Schule, die wir Hölle nannten, und wir hielten uns gegenseitig an unserer vermeintlichen Genialität fest.

An dem Abend wo ich in die Isar kotzte und ihr meine Liebe gestand, saßen wir noch lang auf einer Mauer und starrten auf den Fluss. Wir redeten über die Zukunft. Sie sagte, sie werde nach dem Abi allen Kontakt abbrechen, sie werde einfach verschwinden.

„Und ich?“, fragte ich, mit Schmerz in der Brust.
„Wir können nicht für immer Freundinnen sein. Wir sind nur jetzt füreinander gemacht.“ sagte sie mit Überzeugung. Ich verstand nicht, aber mit 18 versucht man als angehender Abiturient oft schon die Allüren eines abgeklärten Erwachsenen zu haben, oder das, was man sich darunter vorstellt. Ich konnte die romantische Idee dahinter nachvollziehen. Noch viel mehr: Ich fand ich es mal wieder verdammt cool von ihr. Waren wir beide doch so speziell und besonders, sodass auch unsere Beziehung zueinander nicht herkömmlich verlaufen dürfte. Ich stellte mir vor, wie wir eines Tages beide berühmt sind und in Interviews jeweils von dem anderen erzählten. Dann lächelte ich sie an und sagte: „Ja, lass uns uns nach dem Abi nie wieder sehen.“

Katharina stand auf und klopfte sich den Dreck von den Shorts, die sie immer Sportshorts nannte. Sie schaute sich betont gelangweilt um, lächelte mich fahrig an und fuhr sich durch die Haare. Ich hasste, wie sie „Sportshorts“ sagte und so tat, als wäre es das Coolste. Ich hasste es, wie sie ihre Schultern komisch hängen ließ und war mir sicher sie tat es nur, um lässig zu wirken. Ich hasste es, wie sie es schaffte, sich mit diesem gelangweilten Blick zum Takt der Bässe zu bewegen. Ich lächelte vom Boden aus zurück und machte mit meinem Handy ein Foto von ihr.

Nach dem Abitur feierten wir gemeinsam weiter. Ich verknallte mich und sie machte sich lustig darüber, da er jünger war als ich. Den Sommer über zog sie noch zu ihrem 30 jährigen Freund, den sie immer betrog. Wir verbrachten viele Tage auf seinem Balkon, rauchten und sprachen über die Unibewerbungen. Wir verreisten, kamen wieder, gingen gemeinsam Kaffee trinken. Sprachen über die Ziele und Träume die wir einst hatten und wie wir sie fallen ließen.

Der Sommer war ein Rausch aus Ungewissheit und Alkohol. Wir waren verloren ohne die schulischen Strukturen und so frei wie noch nie. Und sie wusste was sie tat, und sie wusste wo sie hinwollte, und ich stolperte weiter meiner Ungewissheit hinterher, und manchmal sprach sie an langen Nachmittagen mehr als ich.

Im Herbst zog ich in den Norden und sie in den Osten. Ich fand unter der kühlen Nordluft kein soziales Umfeld das mich bereicherte, sie erzählte mir am Telefon von dem letzten Rave auf dem sie mit ihrer neuen Clique war. Ich besuchte sie aus meiner einsamen Verzweiflung und wir feierten gemeinsam mit ihren Freunden. Ich stand an einem Lagerfeuer während sie auf MDMA tanzten, es sah aus wie der neue Imagefilm von Urban Outfitters. Am Ende des Tages saßen wir auf einem Dach und sahen den Sonnenaufgang und als ich mit meinem Handy ein Indielied anmachen wollte, lachte sie mich aus. Jemand sagte, dass er das Lied mit 16 auch mal cool fand.

„Zeig mir das Foto.“ Sagte sie und beugte sich wieder zu mir runter. Ich hielt ihr das Handy hin und sie grinste. „Willst du es instagramen?“ Fragte ich sie. „Nee, man, lass mal.“ Sagte sie und fuhr sich wieder durch die Haare. „Dann instagrame ich es halt.“ Sagte ich. Nach einer Weile beugte sie sich rüber: „Mach mal Hashstag Festival. Und markier mich.“

Sie besuchte mich im Norden und fand es zu kalt. Wir waren in meiner Lieblingsbar und ich erzählte von den letzten Büchern die ich gelesen hatte und sie erzählte mir von den RTL2 Serien die sie jetzt ironisch schaute. Eine Freundin sagte ihr, dass sie unbedingt diesen einen Cupcakeladen besuchen müsste, solange sie da war. Sie antwortete mit dem Kopf von uns weggewandt: „So was mach ich nicht.“ Und ich schämte mich für sie und ihre Unhöflichkeit, und dann schämte ich mich für mich und meine Gedanken.

Als wir um 4 Uhr nachts die Bar immer noch nicht verlassen hatten, fragte sie mich, ob es mich stören würde, wenn sie alleine noch in einen Club geht. Ich verneinte und lag dann alleine im Bett und starrte an die Decke. Am nächsten Abend erzählte ich ihr, wie sehr ich mein Leben dort hasste und dass ich nach Leipzig ziehen wollte. Sie rümpfte die Nase und sagte, dass ihre Stadt cooler sei. Als ich sie genervt ansah haute sie mir auf den Arm und sagte: „Maaaan, war nur ein Spaß!“

„Ich verpasse voll viel heute Nacht in Leipzig. Lukas und die anderen gehen zu so nem Hausprojekt von Künstlern, die sich ironisch mit dem Internet auseinander gesetzt haben. Glaub, das ist sogar ausnahmsweise mal im Westen“
„Klingt ja richtig cool und unglaublich artsy.“ Antwortete ich. Sie sah mich etwas beleidigt von der Seite an: „Sei mal nicht so ein downer ey, ich hab uns hier Gästelistenplätze über die Typen besorgt!“
„Ja, und ich bin auch sehr dankbar.“ Sagte ich, aber sie schaute schon wieder auf ihr Handy.

Ich fühlte mich alt neben ihr und dachte an all die Jahre, die seit unserem Abitur vergangen waren. Und ich sah es immer noch, das Mädchen, das dreckig lachte, wenn eine Mitschülerin stolperte. Aber ich lachte nicht mehr mit.

Aber ich sah auch immer noch das Mädchen, das mir Arcade Fire in ihrem Auto zeigte, als sie mich zur Schule fuhr. Ich sah das Mädchen, das sich für mich einsetzte, als mich andere herunterziehen wollten. Ich sah das Mädchen, das sich nur einmal erlaubte bitterlich zu weinen, und ihr Körper bebte, während ich ihre Hand hielt. Ich sah das Mädchen, das niemals etwas ernst nahm und einem klar machen konnte, dass am Ende des Tages niemals irgendetwas wichtig sein sollte, das Mädchen, das einmal nachts um drei zu mir gefahren ist, um mit mir einen Kakao zu trinken, das Mädchen, das tief im Inneren so verletzt ist, dass die harte Fassade ein Muss ist, das Mädchen, das mich am Ende meiner Jugend formte und an meiner Seite bis zur Unendlichkeit existieren sollte. Ich sah meine Freundin. Und dann sprang ich auf und nahm sie in den Arm und sagte: „Wir hätten uns nach dem Abi niemals wieder sehen dürfen.“ Und sie lachte, schob mich beiseite und holte sich noch ein Bier.

Nachtrag: Dieser Text ist im Einverständnis der beschriebenen Person veröffentlicht worden. Und ich liebe sie dafür. Nicht alle Details sind genau so passiert, höchstens so ähnlich oder ganz anders.

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Veröffentlicht von

Mitteljung, mittelbegabt, mittelwitzig.

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