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Mittagessen à la française

Während hierzulande jede neugefundene Form der gesunden Gemüseverarbeitung in Smoothies so gefeiert wird, als hätte man das Rad neu erfunden, haben unsere Nachbarn in Frankreich schon immer die bessere Esskultur gehabt, und während wir langsam und fettleibig an unseren Schweinebraten ersticken, lachen sich die schlanken und schönen Franzosen ins Fäustchen und essen noch eine Gabel Salat und ermahnen ihr Kind ihren Kabeljau aufzuessen.

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Südfrankreich, die Einöde in der ich lebte.

Ich habe mich nie einer bestimmten Nationalität zugehörig gefühlt, schon gar nicht der deutschen. Blindlings bin ich durch die Weltgeschichte gelaufen, nicht ahnend, was für ein deutsches Kartoffelherz ich tatsächlich habe, bis zu dem Zeitpunkt, als ich das erste mal an einem richtigen französischen Mittagessen teilnehmen durfte.

An einer französischen Schule sind Mittwoche heilig, denn man hat schon um 12 Uhr statt um 5 Uhr nachmittags aus, was mir mitten in der Woche ein überwältigendes Gefühl von Freiheit gab. Diese Nachmittage waren mir sehr wichtig, denn sie waren mit nach Deutschland telefonieren und zu Kelis „Milkshake“ durch mein Zimmer tanzen gefüllt. Aber als mich mein bester Freund Vincent fragte, ob ich noch zu ihm zum Mittagessen kommen möchte, dachte ich mir, dass man diese Stunde bestimmt noch kurz opfern kann, und sagte meiner Mutter Bescheid, dass ich erst um zwei bei ihr wäre. Sie hinterfragte nicht und erlaubte es mir.

So kreuzte also Vincent mit drei seiner Freunde spontan bei seinen Eltern zu Mittagessen auf. Diese standen schon in der Küche und sahen nicht gestresst, sondern sehr freudig über die größere Menge an Besuchern aus. Ich fand das sehr cool und lässig von ihnen. Wir deckten den Tisch, setzen uns, und schon nach kurzer Zeit kam der Vater mit Salat mit Ziegenkäse, Weißbrot und Entenleberpastete. Es war ein traumhaftes Mittagessen, in meinen Augen.

Ich nahm mir ordentlich. Den Teller voll Salat, das Brot dick bestrichen mit Entenleberpastete und glücklich kauend sah ich mich um. Die anderen Teller waren mit winzigen Portiönchen bedeckt.

Lison links von mir bemerkte meinem Blick und sagte: „Boah, Louise, du musst unglaublich Hunger haben!“
Ich war verwirrt. Natürlich hatte ich Hunger. Ich hatte seit heute morgen um acht nichts mehr gegessen, genauso wie die anderen.
„Na klar,“ sagte ich also, „Du nicht?“ während ich mir mein drittes Entenleberpastetebrot in den Mund stopfte.
Sie lachte.
„Na schon, aber anscheinend nicht so viel wie du!“

Da es mir doch ein wenig unangenehm war, so unfassbar viel mehr zu essen als die anderen, legte ich dann einigermaßen gesättigt meine Gabel beiseite. Vincent räumte den Tisch ab, ich blieb etwas verwirrt aber zufrieden zurück.
Wir plauderten eine Weile, bis der Vater aufstand und mit einem Kartoffelgratin zurück kam.

In diesem Moment wurde mir peinlich bewusst, dass wir nur eine Vorspeise gegessen hatten. Vincents Mutter hatte unterdessen eine Flasche Wein geholt und verteilte Gläser, auch an uns Teenager. Das fand ich sehr cool, aber dennoch verkrampfte ich mich nun auch noch zu meiner schon bestehenden Peinlichkeit über meine Essensorgie, denn ich tat vor Erwachsenen immer noch sehr konsequent so, als würde ich keinen Alkohol trinken, und war auch immer noch der festen Überzeugung, meine Mutter würde mir jeden Sonntag glauben, dass ich mir nur den Magen verdorben hätte, wenn ich kotzend über dem Klo hang.

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Ich, jung und betrunken in Südfrankreich.

Meine Freunde tranken entspannt ihren Wein. Ich hielt mich am Stiel des Glases fest und kam mir doof vor. Noch dazu fand ich, dass der Wein komisch schmeckte, aber das lag nur daran, dass wir immer den Tütenwein aus dem E.Leclerc aus der untersten Reihe holten und mir noch nicht bewusst war, dass es nicht normal ist, einen Wein mit Zucker zu süßen.

Vincents Mutter tat mir ordentlich auf. Rodrigue reichte mir den Weißbrotkorb. Ich nahm mir ein Brot. Lison sagte: „Nimm dir lieber gleich zwei, sonst brauchst ihn gleich wieder.“ Alle lachten. Ich starrte auf meinen vollen Teller.

Tapfer und vor allen Dingen höflich wie ich war, aß ich meinen Teller fast leer. Auch ein Stück Weißbrot bekam ich noch hinunter. Ich war mehr als satt. Vincents Mutter nahm sich noch eine zweite Portion, sah mich fragend an, ich schüttelte mit dem Kopf. Ich bemerkte zum ersten mal, wie unglaublich schlank seine Mutter war. Lison fragte, ob es noch Salat gäbe. Vincent fragte, wann der Fisch fertig sei. Ich verschluckte mich an meinem Wein.

Zu diesem Zeitpunkt war schon über eine Stunde vergangen. Da ich ursprünglich geplant hatte, nun zu gehen, schrieb ich meiner Mutter eine SMS, dass es ein bisschen länger dauern würde. Sie fragte wie lange. Ich sagte: Ich weiß es nicht, ich bin hier bei Vincent bei Mittagessen.

Meine Mutter hat auch ein deutsches Kartoffelherz, aber genauso hat sie daneben einen Rosmarinbusch gepflanzt, und deswegen schrieb sie: Ruf mich einfach an wenn du fertig bist. Ich schrieb ihr, dass es höchstens nur noch eine Stunde dauert. Sie schrieb zurück: Schauen wir mal.

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Unser Haus in Südfrankreich. (Hint: Nicht das linke.)

Der Fisch wurde aufgetischt. Vincents Schwester sagte, da habe sie sich die ganze Zeit schon drauf gefreut, und machte mein Weinglas wieder voll, nachdem ich es in einer hastigen Übersprungshandlung geleert hatte.

„Wer will das größte Stück?“ rief Vincent in die Runde, und seine Mutter sagte mit hochgezogenen Augenbrauen und Freude in der Stimme: „Ça doit être pour Louise!“.

Ich ergab mich meinem Schicksal. Irgendjemand reichte mir Weißbrot. Während ich aß, spürte ich wie mein Magen über meine Jeans quoll. Ich beobachtete meine agilen, sehr schlanken Freunde, wie sie lachten, Wein tranken und ihr Weißbrot aßen, und dabei weder litten noch überhaupt irgendeine Form von angetrunken waren, was ich zu diesem Zeitpunkt definitiv schon war. Ich aß meinen Fisch nur halb. Ich konnte mich nicht entscheiden: Sollte ich die Farce aufrechterhalten und mich damit nicht der Peinlichkeit entblößen, dass ich blöder Deutscher dachte, die Vorspeise sei das Hauptgericht, und sagen, dass ich satt sei, oder sollte ich behaupten, dass ich Fisch nicht so gerne mochte?

Ich war angetrunken und sagte Letzteres. Lison sagte, dass Fisch halt eben kein Schweinefleisch sei. Ich wollte deutsche Essenskultur verteidigen, aber dann fiel mir ein wer hier am Tisch die größte Kleidergröße trug und sagte nichts.

Natürlich gab es nach einer ausgiebigen Pause danach noch eine süße Tarte. Ich sah verstohlen auf die Uhr und stellte fest, dass wir nun seit sage und schreibe zweieinhalb Stunden mit Mittagessen beschäftigt waren. Nachdem ich irgendwie zwei Bissen Tarte runtergewürgt hatte, sagte Rodrigue, er möchte lieber nur eine halbe, er warte noch auf den Käse.

Ich verschluckte mich wieder, diesmal an süßer Tarte.

Ich war verständnislos, verwirrt und so satt, dass ich das Gefühl hatte, gerade in diesem Moment zehn Kilo zugenommen zu haben. Ich wollte aufspringen, den Tisch umschmeißen und sie anbrüllen.

Sie fragen, wie zum Teufel sie das machen, wie sie so unglaublich viel Sachen hintereinander essen können, und wie sie dabei immer noch so schlank sind wie Kate Moss in ihren schlimmsten Koks-Zeiten. Fragen, ob sie nichts besseres in der Zeit zu tun hätten als essen, ob sie nicht auch einfach nur verdammt noch mal satt werden möchten. Ob sie sich nicht schämen, solche fürchterlichen französischen Clichés zu sein, die zu jedem Scheiß Weißbrot essen, ob sie wüssten, dass Weißbrot auch nicht gesund ist, und wie sie ihren Körper davon überzeugen konnten, das auch so zu sehen. Und ob sie es wirklich nicht auch ein wenig übertrieben fanden, an einem Mittwochnachmittag vier Gänge aufzutischen, drei Stunden daran zu essen und danach noch in der französischsten MANIÈRE überhaupt tatsächlich auch noch Käse anzubieten!

Am Abend lag ich im Bett, meine Mutter streichelte meinen Bauch und gab mir einen Kamillentee.
Ich fragte sie: „Aber Mama, wie…?“
Sie schüttelte mit dem Kopf und sagte: „Ich weiß auch nicht mein Schatz, ich weiß auch nicht…“

Am Wochenende fuhren wir zu einem Termin meiner Mutter. Zu Mittag aßen wir zwei Leberwurstbrote im Auto.

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Ein versöhnliches Bild aus Südfrankreich, zum Abschluss. Alle Bilder wurden Handgeschossen von mir, beziehungsweise der Person der ich betrunken meine Kamera in die Hand drückte, die glaub ich Edda war.

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Mitteljung, mittelbegabt, mittelwitzig.

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  1. Pingback: Französische Frauen: ein Manifest | Louise schreibt für alle.

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