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Leben und Leiden in Leipzig: Frauenarzt*innen Edition II

So lebte ich also eine Weile lang mit einem Angelhaken. Das lief auch eine Zeit lang ganz gut, bis zu dem Tag, an dem ich auf einmal undefinierbare Schmerzen im Unterleib hatte.

(Dies ist Teil 2 einer etwas längeren Geschichte. Hier ist Teil 1 zu finden.)

Und da ich im Herzen wahrscheinlich doch einfach nur eine spießbürgerliche Studentin aus nettem Elternhaus bin, suchte ich mir dieses Mal die am schicksten aussehende Praxis aus, die ich finden konnte (erstaunlicherweise in Reudnitz), und rief mit dem immer helfenden Argument an, dass ich tödliche Schmerzen hätte. Damit bekam ich auch schon drei Tage später einen Termin.

Die Praxis war schön, die anderen Wartenden sahen hübsch und jung aus, man hatte einen Ausblick auf einen Park und es gab einen Wasserspender, das letzte Argument, das mich immer wieder in Praxen von deren Kompetenz überzeugt. Zackig ging es voran und schon bald fand ich mich in einem sehr stilvollen und minimalistischen Behandlungsraum wieder. Die Ärztin war ein Frau mittleren Alters, der eine heftige Strenge ins Gesicht geschrieben stand. Was folgte war die seltsamste und unangenehmste Unterhaltung meines Lebens, die ich hier nun in Auszügen wiedergeben möchte:

Sie: „Was ist ihr Anliegen?“
Ich: „Ich habe Schmerzen im Unterleib.“
Sie: „Ah ja, und warum?“
Ich: „Ich weiß nicht. Ich glaube es hat eventuell was mit meiner Spirale zu tun?“
Sie: „Aha. Und die Schmerzen, wie sind die?“
Ich: „Mh… Ich denke mal es drückt?“
Sie: „Ok. Und wie ist das beim Sex?“
Ich: „Geht nicht.“
Sie: „Wie, geht nicht…?“
Ich: „Na Sex geht nicht. Ich habe Schmerzen.“
Sie: „Wie äußert sich das?“
Ich: „Wie soll sich das schon äußern?“
Sie: „Sind sie blöd?“

Okay. Das letzte hat sie nicht gesagt, aber so hat sie definitiv geschaut. Ich überlegte also kurz, ob ich blöd sei, entschied mich aber dann dagegen und schaute einfach nur fragend zurück.

Sie: „Jetzt sagen sie mir halt welche Symptome sie beim Geschlechtsverkehr haben.“
Ich: „Es brennt halt.“
Sie: „Wann?“
Ich: „Na, beim Geschlechtsverkehr!“
Sie: „Achso, gut. Und wie genau ist das dann?“
Ich: „Welche Stellung oder was?“

Daraufhin sah sie mich so bösartig streng an, dass ich zusammenzucken musste, und ihre recht dünnen Lippen verschmälerten sich zu dem missbilligsten Blick der mich je getroffen hat.

Sie (nachdem sie relativ lange in ihrem Block herumkritzelt hatte und ich mir vorstellen musste, wie sie jetzt reinschreibt „Generelle Idiotin“): „Also. Wie war das dann. Der Schmerz.“
Ich (langsam aber sicher extrem die Geduld verlierend): „Naja, er hat seinen Penis in meine Vagina gesteckt und ich so: Halt Stopp! Das schmerzt! Und er so: Oh shit…. Bläst du mir einen?“
Sie sah mich angewidert an.
Dann: „Ok. Und?“
Ich: „Wollen sie wissen, ob ich ihm einen geblasen habe?“
Sie: „Nein! Der Schmerz!“

Irgendwann schienen wir beide einfach nur genug von diesem schrecklichen hin und her zu haben und ich durfte mich auf dem Stuhl entblößen.

So seltsam sie auch war, das Äußere der Praxis ließ sehr wohl auf das Können der Ärztin zurückschließen. Denn kompetent und schnell fand sie heraus, was passiert war: Der Angelhaken war nicht nur einfach viel zu groß für meinen noch zarten, lieblichen Uterus, nein, er war auch noch ein verdammt schlechter Angelhaken, der sich gelöst hatte und nun fröhlich in meiner Gebärmutter tobte. So weit, so unangenehm.

Da wir hier aber über einen Arztbesuch reden und keinen Spaziergang, wird es aber noch unangenehmer. Denn dem Angelhaken hat das alleine einfach nicht so viel Spaß gemacht. Also lud er daraufhin eine ganze Armee von Bakterien dazu ein, mit ihm Party @ Kenn’s Place zu machen. Sie kamen, waren entzückt, und blieben.

Meine strenge Ärztin machte kurzen Prozess, entfernte den Angelhaken und gab mir ein Rezept mit, bei welchem der Apotheker trotz seines Berufs nicht umhin konnte, seine Stirn zu runzeln und sich offensichtlich überlegte, was ich für ein Leben führen musste, um eine solch prächtige Auswahl an Bakterien zu beherbergen. Es war sehr unangenehm, alles in allem.

Man sollte meinen, die Geschichte ist an diesem Punkt endlich vorbei. Man hofft, als Leser, dass es nun bitte endlich, endlich ein Ende findet.
Tatsächlich hat die strenge Ärztin in ihrem schicken Büro mir aber teilweise die falschen Medikamente verschrieben. Denn keinen Monat nach der Behandlung: andere, neue Schmerzen und wieder Brennen. Ich weigerte mich, schon wieder zum Arzt zu gehen. Ich ging nur in die nächste Apotheke, beschrieb ihr meine Symptome und nahm irgendwelche Milchteile um irgendeinen PH-Wert wiederherzustellen.

Ab diesem Zeitpunkt hatte ich aufgegeben. Ich war gebrochen. Fertig. Bereit zu akzeptieren, dass meine Vagina nun kaputt ist. Nie wieder herzurichten. Ich lebte jetzt mit der Entscheidung, in Lößnig zu einer Frauenärztin gegangen zu sein, die alles für immer zerstört hat.

Drei Monate litt ich so vor mich hin. Als ich dann mal wieder in München war, machte meine Mutter einen Termin bei meiner Frauenärztin aus. Obwohl ich sie liebte, eigentlich, hatte ich kein Vertrauen mehr. Ich protestierte, war mir sicher, dass auch sie mir nicht mehr helfen konnte. Meine Mutter sprach das Machtwort, das nur Mütter sprechen können, und so saß ich um 8 Uhr morgens an einem Dienstag bei ihr in ihrem alten, gewohnten, normal eingerichteten Behandlungsraum.
Und ich erzählte ihr alles. Und sie hörte mir aufmerksam zu. Und nickte verständnisvoll, fragte die richtigen Fragen, an den richtigen Stellen. Dann untersuchte sie mich, fand all die Fehler, bereinigte sie, gab mir die richtigen Medikamente.

Weil sie meine Ärztin ist. Die einzig Wahre, Richtige. Ich hätte nie aus München wegziehen dürfen.

Anmerkung: Lustigerweise sollte dieser Text schon gestern, Samstag, erscheinen. Da ich aber, seitdem ich dieses monströse Ding in mir hatte, nun immer am ersten Tag meiner Tage unmenschliche Schmerzen habe (die ich früher nie hatte), war ich gestern nicht in der Lage, diesen Text zu beenden. Fun!

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2 Comments

  1. Chris

    Ich hoffe Leser nehmen diesen Text auch ernst. Man sollte einen „Sozialkompetenztest“ einführen, anstatt einen übertrieben NC für das Medizinstudium aufrechtzuerhalten. Mal vom Fachlichen gar nicht zu sprechen. Zwei Medizinstudenten bestätigen mir neulich, es handelt sich um stetiges Auswendiglernen ohne Zwang zum Verständnis. Fast jeder könne dies, so deren Aussage.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Leben und Leiden in Leipzig: Frauenärzt*innen Edition I | Louise schreibt für alle.

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