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Pubertierend mit Verantwortung

Entgegen der weitläufigen Meinung, dass man am Anfang seiner Zwanziger die Zeit seines Lebens hat, bin ich der Meinung, dass es einfach nur die Hölle ist. Es kann sich vielleicht nicht jeder mit diesem Gedanken identifizieren und ich kenne einige, die ihr Leben sehr wohl im Griff haben, teilweise auch schon im zarten Alter von zwanzig Jahren. Dennoch sehe ich meine Freunde und mich ununterbrochen scheitern. Manchmal, wenn ich sie betrachte, habe ich das Gefühl, ich beobachte ein Horde Sechzehnjähriger, die „Erwachsensein“ spielen, nur mit dem unguten Beigeschmack, dass alles Handeln ernsthafte Konsequenzen nach sich zieht. Liebevoll nenne ich dieses Phänomen: Pubertierend mit Verantwortung. Und es ist schrecklich. Ein paar Beispiele aus meinem verwöhnten-Drecksbalg-Leben, um die Situation zu verdeutlichen.

Man hat zu wenig Geld

money

Das Offensichtlichste zuerst: Geld ist sehr knapp bei uns armen Zugehörigen der Generation Y. Bei manchen zu Recht, bei manchen, weil sie glauben, es wäre angebracht, sich jeden morgen einen Starbucks Kaffee zu kaufen. Aber wie soll man es auch besser wissen?

Mein Leben lang wurde ich von Mama und Papa betüddelt und bekam mein Taschengeld, von dem ich mir all die Dinge kaufen konnte, die Spaß machen. Um den Rest musste ich mir keine Gedanken machen. Jetzt muss ich entweder von mickrigem Bafög oder von dem Geld, was ich von den nun knausrigen Eltern bekomme, ALLES bezahlen. Miete, Essen, Rundfunkbeitrag, Strom, Gas, Versicherung, Handyrechnung, Semestergebühren, Netflix Abonnement, Spotify Gebühren, Eintritt in den Club und das teure Bier dort auch noch. Es ist verdammt hart.

Aber wenn ich dann endlich mal einen Job bekomme, inklusive ordentlichem Gehalt, der mir all den Luxus zuspricht, den ich schon immer verdient habe, dann werde ich ein großartiges Leben führen. Immerhin haben meine Eltern mir immer gesagt, wie großartig und einzigartig ich bin – leider werde ich diesen Applaus erst dann von anderen Leuten bekommen, wenn ich verstanden habe, mein lausiges Studium in Mehrwert umzuwandeln. Damit kommen wir auch schon zum nächsten Punkt.

Man ist doch nicht so Genial wie die Eltern immer behauptet haben

Ron

Meine Eltern hatten nichts Besseres zu tun, als mir ständig zu erzählen, wie verdammt toll ich bin. Unsere Kühlschränke waren voll mit meinen hässlichen selbstgemalten Bildern, die Fotoalben waren meine persönlichen Model-Mappen, bei jedem noch so erbärmlichen Hobby, das ich nur drei Monate durchhielt, glänzte ich in ihren Augen und wenn ich drei Zentimeter wuchs, lobte mich meine Umwelt so, als hätte ich den Rekord im Sprinten gebrochen. Jetzt als junger Mensch in seinen Zwanzigern muss ich verbittert feststellen: Ich bin gar nicht mal so speziell und großartig. Nein, viel schlimmer noch. Ich bin ziemliches Mittelmaß in Allem. Und das ist dann der Punkt, bei welchem ich mich gerne mit meinen Freunden in eine Bar setze, zu viel Wein trinke und Sätze sage wie: „Ich verstehe nicht, warum Leute mir nicht Geld für meine bloße Existenz hinterherschmeißen!“ was alle dazu bringt, leidvoll zu nicken. Anfang zwanzig muss man sich erst mal mit der tiefen Sinnkrise herumkämpfen, zu erkennen, dass man halt leider doch hart für Erfolge arbeiten muss. Was das Allerschlimmste ist.

Alle anderen haben mehr Spaß

confsed

Es gibt nichts schrecklicheres als das ununterbrochene Gefühl, dass alle anderen einfach VIEL MEHR SPASS haben. Ich habe es andauernd. Dank Social Media bin ich ständig mit dem großartigen Leben der anderen beschäftigt. Egal was ich tue, es scheint nicht das Richtige zu sein. Wenn ich mit meinen Freunden im Club stehe und zu ohrenbetäubender Musik so tue, als wäre das genau das, was ich jetzt gut fände, brauche ich nur einmal auf mein Handy schielen und werde mit hämischen Bildern von Leuten konfrontiert die mit Gurkenmasken auf dem Gesicht in ihrer Badewanne liegen, während sie ein Massage von ihrem Lebenspartner bekommen. #chillinonasaturdaynight.

Wenn ich wiederum zuhause bin, eine Serie binge watche und mich generell wohlfühle, braucht es nur einen Blick in die Timeline und – ZACK! Alle meine Freunde sind auf irgendeiner illegalen Hausparty auf der Süßigkeiten von der Decke hängen und Berghain DJs auflegen. Ich kann es kaum erwarten, wenn endlich alle einen Beruf und Familie haben und alle die gleichen, langweiligen Bilder von ihren hässlichen Kindern posten und dem Urlaub bei ihren Eltern.

…und sind dabei trotzdem irgendwie erfolgreicher

giphy

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Und obwohl alle anderen auf die geileren Partys gehen, bessere Freunde haben und natürlich auch noch in der neuesten Ausstellung waren, schaffen die meisten es doch irgendwie, so zu wirken, als wären sie die größten Hechte im Becken.

Die Krux ist nämlich: Auf der einen Seite klagen alle darüber, dass sie nichts schaffen. Auf der anderen Seite präsentieren sie sich alle so, als wäre ihr Leben unfassbar beeindruckend. Das ist unglaublich ärgerlich. Natürlich weiß ich, dass sich jeder im besten Licht darstellt, aber ich bin leider einfach noch nicht alt genug, um das nicht an mich ranzulassen. Wie soll ich denn überhaupt irgendetwas erreichen, wenn ich nur ständig mit mir selbst konfrontiert bin wie ich krampfhaft versuche, mich nicht mit dem Erfolg der anderen zu messen. Egal was man tut, irgendjemand tut mehr. Und da man in seinen Zwanzigern immer noch pubertiert, kann man auch nicht darüber hinwegsehen und erwachsen sein. Das ist ja das Schlimme.

Ich freue mich verdammt nochmal darauf, wenn wir uns nichts mehr vormachen können, sondern tatsächlich in geordneten Strukturen leben und man nur noch sagt: „Oh, du arbeitest beim Piper Verlag? Good for you.“ Wenn ich die Ruhe und Geduld aufbringe, die es braucht, um ein ausgeglichener Mensch zu sein, der sich nicht vergleicht. Wenn ich reif werde. Ich kann es nur wiederholen: Ich kann die Spießigkeit kaum erwarten.

 

Es ist absolut unmöglich irgendetwas in den Griff zu bekommen

giphy

Wisst ihr noch? Diese unglaublich lähmende Erkenntnis damals in der Pubertät, dass nichts Sinn ergibt und die Welt ein schrecklicher Ort ist?

Jetzt ist alles noch viel schrecklicher. Die Erkenntnis der Beschissenheit der Welt reicht nicht aus, jetzt müssen wir in ihr leben und uns zurechtfinden. Einfache, tägliche Aufgaben werden zu unlösbaren Rätseln: Wie schaffe ich es, mich jeden Tag zu motivieren und in die Uni zu gehen? Wie bringe ich mich dazu, endlich ordentlich zu sparen? Wie blamiere ich mich nicht vor meinem Professor? Studiere ich das Richtige? Bin ich glücklich oder tue ich nur das, was man mir sagt? Habe ich aufgegeben? Was passiert hier überhaupt?

Es sind immer noch dieselben Fragen, die wir uns mit 17 gestellt haben, nur dass es jetzt um ernsthafte, lebensveränderte Entscheidungen geht.

Scheiße.

 

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Veröffentlicht von

Mitteljung, mittelbegabt, mittelwitzig.

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