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In Liebe, Kleinzschocher

Im Kreuzer fand man in der Februarausgabe dieses Jahres einen außerordentlich lustigen Artikel über die zehn deprimierendsten Orte in Leipzig. Ich las ihn, lachte, und verdrückte dann aber doch eine kleine Träne. Denn einer dieser Orte war „ganz Kleinzschocher“ und im selben Absatz fiel auch der Satz „denn niemand zieht freiwillig nach Kleinzschocher“.

Naja. Niemand außer mir. Ich bin freiwillig nach Kleinzschocher gezogen. Und ich finde es großartig hier.

Wenn man als Wessi irgendwann mal gelernt hat, diesen Stadtteil auszusprechen, ohne über die eigene Zunge zu stolpern, wird man die versteckte Schönheit Kleinzschochers auch mühelos wertschätzen können. Man steigt am Adler aus und freut sich erst einmal daran, wie schön es ist, dass ein Platz einfach nur Adler heißt. Das liegt übrigens an einem mittlerweile abgerissenen Gebäude, ehemals ein Gasthof, an dessen Spitze ein goldener Adler angebracht war. Ein hübscher Gedanke, der einen die traurigen Gestalten an der Trambahnhaltestelle übersehen lässt, die sich auf dem immer noch unbebauten Grundstück des Goldenen Adlers bei dem wohl schäbigstigen Straßenimbiss aller Zeiten ihre Frikadellenbrötchen kaufen. Der Vorteil ist: Man selbst geht entweder einfach in den Rewe gegenüber oder zum Sultan Planet, in dem es den besten Lahmacun in ganz Leipzig gibt. Und während man auf ebendiesen wartet und dabei das Gegröle zweier Betrunkener am Späti ignoriert, kann man sich, wenn man denn den Humor eines Grundschulkindes hat, an dem Wort Geilerei erfreuen, welches in altdeutscher Schrift auf einem der Häuser steht.

Mit seinem warmen Lahmacun in den Händen und einem glücklichen Lächeln auf den Lippen läuft man dann die Dieskaustraße hinunter, vorbei an den Betrunkenen, die einen nun, wenn man eine Frau ist, in seliger Zweisamkeit Anzüglichkeiten hinterher rufen. Aber bevor nun der gesunde Menschenverstand einen dazu bringen möchte, sich darüber aufzuregen, muss man sich nur daran erinnern, dass man hier immerhin nicht die erste Studentin im Viertel ist und man auch immer mehr total ironisch gemeinte Frisuren im Netto sieht . Und die Gewissheit, dass die Gentrifizierung diese Arschlöcher leise und schleichend um ihren Heimatort berauben wird, besänftigt dann doch das Gemüt (Bemerkung: Es ist wiederum sehr wichtig, nicht an Gentrifizierung zu denken, wenn man alte, gebrechliche Leute dabei sieht, wie sie in ihre Altbauwohnungen schleichen).

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Auf seinem Weg kommt man an der Kirche vorbei, die der Kreuzer als „heruntergekommenen Sakralbau in pseudoromanischem Großkotzstil“ beschreibt. Das kann man so sehen. Aber dann sieht man die schrecklichen neuen Wohnkartons, die sich im winzigen Kantatenweg zu ihrem östlichen Fuße verstecken. Und während diese mit den Jahren durch Regen und Wind zugrunde gehen, dann ersetzt werden durch noch hässlichere Kartons die genauso scheiße gebaut sind und dann zugrunde gehen, wird der „Dom“ über sie wachen, mit einem Lächeln um die hübsch beleuchteten Kirchtürme. Denn die Taborkirche ist gemacht, um zu bleiben.

Wenn man also versucht hat, sie zu betreten, um auch einen Blick in das Innere dieses stoischen Gebäudes zu werfen, und feststellen muss, dass es geschlossen ist, geht man einfach in den direkt anliegenden Volkspark Kleinzschocher. Ein wundervoller Park mit Wiesen so weitläufig, dass man vergisst, in der Stadt zu sein. Wer sich dennoch nach Stadtgefühl mit Natur sehnt und den Hundehaufen aus dem Weg gehen möchte, der geht zehn Minuten lang zurück zur Rolf-Axen-Straße bis zu einem wunderschönen Plätzchen, an dem im Frühling die Bäume ihre rosa Kirschblüten in aller Pracht tragen. Ein paar Teenager sitzen darunter auf der Parkbank, während kleine Kinder in KiK Klamotten um sie herumtollen und mit ihrem Lachen die Handymusik übertönen. Von dort biegt man dann Richtung Westen und findet mit ein bisschen Glück die verlassenen Gleise im Grünen. Dort setzt man sich dann auf den kleinen Hügel und grillt mit seinen Freunden, und während man die Sonne über der vorbei fahrenden S-Bahn untergehen sieht, freut man sich darüber, dass dieser Ort immer noch unberührt von all den Kreuzer Lesern ist. Und das auch erst mal bleiben wird.

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