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Sex enttäuscht mich fast immer

Als ich ein Teenager war hatte ich panische Angst, zu sterben. Nicht, wie man meinen sollte, weil ich nicht sterben wollte – wie jeder gute Teenager hatte auch ich eine Phase, in der ich ziemlich sicher war, dass Sterben die beste aller Optionen sei, sondern weil ich panische Angst hatte, als Jungfrau sterben zu müssen. Ich fand es tragisch wenn ich in der Zeitung von Teenagern las, die gestorben waren, und fragte mich wirklich jedes Mal, ob sie schon Sex gehabt hatten.

Wie alle Teenager beschäftigte auch ich mich natürlich intensiv mit Sex und der Vorstellung davon, obwohl ich noch nicht einmal richtig zu masturbieren gelernt hatte. Wir redeten viel darüber und als die ersten Mädchen ihre Erfahrungen erzählten, klopfte mein Herz aufgeregt, als sei ich selbst in der Situation gewesen. Aber all das Reden über diese Dinge half nicht darüber hinweg, dass wir in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung hatten. Ich zum Beispiel verkündete lautstark, dass ich natürlich einen Orgasmus gehabt hätte als mir Josselin gestern Nacht unbeholfen mit seinen Fingern in der Vagina herumgestochert hat. Es hatte sich ja nicht per se schlecht angefühlt.

Wir informierten uns ständig über alles, aber nie über die wichtigen Dinge. Zum Beispiel war es in meiner Vorstellung so, dass jede männliche Erektion IMMER und zu JEDER ZEIT in einem 90 Grad Winkel zum Körper absteht. So kam es auch dazu, dass ich mich fürchterlich erschrak als ich das erste mal meine Hand in die Hose eines Jungen steckte, denn anscheinend schien sein Penis schräg zu sein oder einfach nur kaputt, oder nicht richtig funktionierend, auf jeden Fall war er nicht normal. Ich erschrak mich so sehr, dass ich entsetzt meine Hand aus seiner Hose zog und ihn mit großen Augen anstarrte, was dazu führte, dass mir zum Ausgleich mal wieder unbeholfen in der Vagina herumgestochert wurde. Erst am nächsten Morgen dachte ich nach dem aufstehen intensiv über Physik und den menschlichen Körper nach und mir dämmerte, dass sein Penis eventuell ganz normal war, nur einfach in einer Hose eingepackt.

So kam es, dass schon Petting mich fast immer enttäuschte.

Aber Sex, so dachte ich mir damals, Sex, das wird toll. Ich konnte mein erstes Mal kaum erwarten, allein schon wegen der Aussicht, nicht als Jungfrau sterben zu müssen. Selbst als ich über das Bluten und die Schmerzen erfuhr, dachte ich mir, dass es bestimmt trotzdem großartig wird, allein schon wegen der Sache an sich. Ich war mir sicher, dass ich danach eine gestandene Frau sei, ich würde reif sein, erwachsen und hätte Ahnung von all den Dingen im Leben, die ich jetzt noch nicht verstand.

Was für eine herbe Enttäuschung.

Hatte ich mich ja schon darauf eingestellt, dass ich eventuell nicht den Spaß meines Lebens haben werde, sollte es immerhin etwas lebensveränderndes werden, etwas krasses, etwas, das mich zu all dem machen würde, was ich schon immer sein wollte.

Aber dann –

Aber dann steckte er seinen Penis in mich rein und es passierte – nichts. Kein Blut, keine Schmerzen, kein Spaß. Einfach nur ein Typ auf mir und sein Penis in mir. Dann begann er seinen Penis rein und wieder raus zu ziehen und ich war enttäuscht. Nichts krasses geschah, mein Leben wurde nicht auf den Kopf gestellt und ich fragte mich, was ich mir darunter überhaupt vorstellte, das, was ich schon immer sein wollte. Nachdem ich tapfer zehn Minuten durchhielt, fragte ich ihn irgendwann: Dauert es noch lange?

Irgendwann wurde es auf natürliche Art und Weise ja dann doch besser und auch ich entwickelte Spaß an der ganzen Sache. Wäre da nicht die Sache mit dem Orgasmus gewesen.

Das Problem ist, dass Mädchen wissen, dass sich Jungs einen runterholen, aber dann über diese Jungs kichern. In keinem Film wird ein Mädchen in einer humoristischen Szene gezeigt, in welcher sie beim masturbieren erwischt wird, auf jeden Fall nicht in den Filmen, die ich sah. Nein, viel mehr noch, die Mädchen ekelte es an, wenn ein Junge masturbierte. Im Umkehrschluss bedeutete das für mich: Mädchen masturbieren nicht. Und somit erlaubt ich mir zwar, meine Vulva anzufassen, aber dachte niemals darüber nach, das gute Gefühl zu irgendetwas zu steigern. So schaffte ich es, Sex zu haben, bevor ich überhaupt wusste, was ein Orgasmus ist. Für mich war ein Orgasmus nämlich einfach nur, wenn ich Spaß am Sex hatte. Somit war ich der festen Überzeugung, dass ich wirklich jedes Mal beim Sex kam und all meine Freundinnen beneideten mich. Ich fand mich ziemlich lässig und mein damaliger Freund kam sich wie ein ziemlicher Hecht vor.

Aber eines Nachts lag ich dann doch in meinem Bett und brachte die Sache mit dem Klitoris Bewegen auf ein neues Level. Und was für ein Level. Nachdem ich danach schwitzend und beeindruckt von mir selbst im Bett lag und das Bedürfnis unterdrückte, mir selbst ein High-Five zu geben, dämmerte mir langsam, dass mein Freund alles andere als ein Hecht im Bett war. Nein, viel mehr noch, er war eine Enttäuschung im Bett und wenn ich ganz ehrlich zu mir war, hatte ich es die ganze Zeit schon geahnt. Denn da war er, der Moment, der mich zu der Frau machte, die ich schon immer sein wollte.

Ich glaube, es muss nicht erwähnt werden, dass die Beziehung nach diesem Erlebnis nicht mehr lange hielt.

Allerdings hatte dieses tatsächlich bahnbrechende Erlebnis schwerwiegende Folgen. Als ich letztens diesen schwer männlichen Typen mit den tätowierten Unterarmen an der Bar sitzen sah, wollte ich ihn sofort haben. Und ich ging hin, sprach ihn an, und er war angetan und ich war angetan, und wir unterhielten uns, tranken und lachten. Und während ich lachte berührte ich seinen Unterarm und er sah mir lange in die Augen, und ich nahm ihn mit nach Hause, in freudiger Erwartung.

Aber Sex, Sex enttäuscht mich fast immer.

Denn ambitioniert küsst er meine Brüste und Körper, wandert langsam aber zielstrebig zu meinem unteren Teil vor, aber dann nimmt er seinen Finger und stochert unbeholfen in meiner Vagina herum und leckt dabei sehr knapp mit seiner Zunge neben meiner Klitoris. Aus anfänglichem Enthusiasmus stöhne ich zuerst noch höflich, befreie ihn jedoch dann aus seiner Misere und komme doch lieber ohne Umschweife zum Sex, wobei er sich wirklich sichtlich Mühe geben möchte, aber auch seine natürliche Männlichkeit unter Beweis stellen muss und darauf besteht mich nur mit seinem Penis und Penetration zum Orgasmus zu bringen, was ich mit einem Augenverdrehen quittiere, er aber nicht sieht, denn er hat mich schon in Doggy-Position gebracht. Und dann fickt er mich und freut sich, und ich freue mich, dass er sich freut, aber gehe in meinem Kopf die Liste an Sachen durch, die ich morgen noch erledigen muss. Unfeministisch belohne ich ihn sogar noch mit ein paar stöhnen die ich von mir gebe, aber schlimmer als ihm ein gutes Gefühl zu geben ist eine einstündige Diskussion darüber, was er denn falsch mache, nur dass er es danach immer noch nicht verstanden hat und dann in Tränen ausbricht und ich ihn der Rest der Nacht in langen Gesprächen therapieren muss. Ich schicke ihn lieber danach nach Hause und greife zurück auf ein altbewährtes Mittel: meine Hand.

Denn es ist doch so: Sex enttäuscht mich fast immer. Außer mit dir.

 

Ein Disclaimer: Dieser Text wurde ursprünglich als Poetry Slam Text geschrieben. Er wurde nur aufrgund hoher Nachfrage veröffentlicht. Den Perfomativen Part muss man sich vorstellen.

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Veröffentlicht von

Mitteljung, mittelbegabt, mittelwitzig.

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