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Wie ich Popmusik lieben lernte

Als Kind hörte ich Popmusik. Was blieb mir auch anderes übrig. Ich mochte auch die Musik, die meine Eltern hörten, aber natürlich wollte ich mit den anderen Kindern der Klasse 2a mithalten, besonders mit A., denn A. war gerade zu uns in die Klasse gekommen und hatte schon angekündigt, bald ein Handy zu haben, was ihr sofort zu Starruhm in der gesamten zweiten Jahrgangsstufe verhalf.

A. hatte sehr lange Haare und die Art Schlaghosen an, die mir immer verwehrt blieben würden. Die, die an den Oberschenkeln wirklich eng saßen und dann richtig weit aufgingen. Sie hatte Ohrlöcher und durfte auch schon Creolen tragen, ihre Fingernägel waren manchmal lackiert und auf ihrem Federmäppchen war Barbie. Kurzum: A. war für mich die coolste Person, die ich jemals kennengelernt hatte.

Und A. hörte die Spice Girls und Britney Spears. Und dann auch alle Mädchen der Klasse 2a. Und ich wollte auch die Spice Girls hören, aber bei mir zuhause gab es nur Klassik zu hören und ich traute mich nicht, zu fragen, ob ich eine CD mit „solcher“ Musik haben dürfte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf mein Radio zu verlassen. Ich spielte in meinem Kinderzimmer, nebenher liefen die Charts rauf und runter. Aber es half. Ich konnte mitreden. Den Aufstieg Shakiras live miterleben. Mir eine Choreographie mit A. und den anderen coolen Mädchen zu ‚Whenever, Wherever‘ ausdenken. Und das eine Britney Poster in meinem Zimmer, das ich von Freundin B. nur aus purer Großzügigkeit aus ihrer Bravo geschenkt bekam, verhalf mir zu der nötigen Street Credibility, um akzeptiert zu werden, im Kreis des coolen Mainstreams.

Dass ich im Endeffekt von A. heftig gemobbt wurde und sie mir meine vierte Jahrgangsstufe zu meiner persönlichen Hölle machte, hinderte mich immer noch nicht daran, fest zu glauben, dass ich ein Riesenfan von Britney Spears sei. Und dass ich gerne Posh Spice wäre. Geschweige denn laut auszusprechen, dass ich Shakira gar nicht so toll fand wie ich immer tat. Ich fand Enya viel toller. Aber Enya war ziemlich uncool und ich hatte verstanden, dass man diese Dinge nicht einfach so laut aussprach.

A. auf dem Gymnasium hinter mir gelassen und in die Pubertät eintretend kam ein mir neuer Trend: Man fand alles gut, was nicht Mainstream war. Mehr noch: Man musste sich ganz bewusst für eine Musikrichtung entscheiden. Was bei mir und vielen anderen dazu führte, dass man seine Lieblingsmusikrichtung alle zwei Wochen änderte. Aber das war wichtig, denn nichts war schlimmer als auf die Frage: „Und, was hörst du so für Musik?“ mit: „Ach, ich hör so alles!“ antworten zu müssen. Dies implizierte sofort musikalisches Unwissen und den schlimmen Vorwurf, man würde Mainstream Musik im Radio hören. Es kam mir aber auf jeden Fall zugute. In den Mittelschichtskreisen, in denen ich mich bewegte, war es auf jeden Fall gerne gesehen, dass man auch obskure Dinge hörte, und in der britischen Indiemusik, die in den Nuller Jahren der letzte Schrei waren, fühlte ich mich sehr wohl. Nicht ahnend, dass ich mich ja auch nur wieder in der Masse befand, kam ich mir verdammt speziell und cool vor. Wieder war ich dabei. Und konnte mitreden. Diesmal mit weitaus größerer Freude.

Dies lief sehr lange so, irgendwann fand man sich auch damit ab, dass „man hört so alles“ bedeutete, dass man natürlich nur von jedem Genre das Beste hört. Nur Pop blieb außen vor. Jemandem, der ein aktuelles Popsternchen gut fand, war immer noch zu misstrauen. In Wirklichkeit hörte ich natürlich auch hier und da mal wieder was im Radio, das mir gefiel, aber nach meiner unsäglichen Zeit in der Grundschule des so-tun-als-ob und der generellen Uncoolness des Genre folgend, verweigerte ich es mir, die Musik zu genießen.

Dies änderte sich erst vor drei Jahren, als ich feststellten musste das Lana del Rey die wohl wunderbarste Künstlerin auf diesem Planeten ist. Ich liebte ihre Musik. Und ich gab mich ihr mit voller Hingabe hin. Und ich wurde dafür aufgezogen. Das ärgerte mich ein wenig, aber ich war auch schon erwachsen genug, dass es mir egal war. Ich fing sogar eher an, mich mit dem Phänomen der Popmusik auseinanderzusetzen.

Dem Vorwurf, dass Lana del Rey ja nur eine Kunstfigur sei und sie Leute engagiert hätte, die sie zu dem gemacht hatten, was sie nun ist, habe ich bis heute immer noch etwas zu entgegnen: Das macht sie ja so großartig. Denn einerseits, sei es denn die Gerüchte stimmen und man hat ihr gesagt, wie sie sich verhalten muss, um berühmt zu werden, feiere ich die Leute die dahinter stehen und möchte ihre Arbeit würdigen. Denn sie haben einen verdammt guten Job gemacht. Lana del Rey war völlig neu, Plastik-Trash und gleichzeitig glamourös, wie kann man das nicht bewundern. Andererseits, Person hin oder her, macht sie einfach wunderbare Musik. Jetzt kann man natürlich sagen, dass Lana del Rey noch nicht wirklich hardcore Popmusik at its finest ist. Aber sie hat mir die Tür geöffnet zur Welt der Popmusik. Ich habe mich getraut, sie zuzulassen. Deep shit.

Popmusik kann hassenswert sein. Das ist absolut verständlich. Aber gute Popmusik ist wunderbar. Sie ist so simpel und kann einen mit so einfachen Mitteln in eine bestimmte Stimmung versetzen. Und sie tut das ganz ungeniert ohne doppeldeutige Lyrics oder mit komplizierter Musik, nein, sie schmeißt einem die Emotionen völlig unironisch ins Gesicht. Sie ist einfach. Und ich habe gelernt, das zu wertschätzen.

Und so höre ich nach einem Abend in einem verdammt coolen Club mit einem verdammt lässigen Dj mittlerweile auf dem Heimweg sehr gerne Taylor Swift und schäme mich gar nicht mehr.

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Veröffentlicht von

Mitteljung, mittelbegabt, mittelwitzig.

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